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Zukunftsfähige
Ernährung
Gesundheits-, Umwelt-, Wirtschafts-
und Sozialverträglichkeit
im Lebensmittelbereich
Artikel
im pdf-Format

Dr. oec. troph. Karl von Koerber
Beratungsbüro für ErnährungsÖkologie,
Entenbachstraße 37, D-81541 München,
E-Mail: koerber@bfeoe.de
Jürgen Kretschmer
Camerloherstraße 74, D-80689
München
Quelle: Zeitschrift für Ernährungsökologie
(ERNO), 1 (1) 39-46 (2000)
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Zusammenfassung: Unterschiedliche
Ernährungsweisen lösen – bewusst oder unbewusst – auch
unterschiedliche gesundheitliche, ökologische, ökonomische
und soziale Wirkungen aus. Ziel dieses Artikels ist die Diskussion
dieser Wirkungen im Hinblick auf die Nachhaltigkeit. So kann mit
einer überwiegend pflanzlichen Kost auf der Basis ökologisch,
regional und saisonal produzierter Lebensmittel mit geringem Verarbeitungsgrad
den Forderungen nach Nachhaltigkeit eher entsprochen werden als
durch die gegenwärtig dominierenden Produktions- und Ernährungsweisen,
d.h. mit einer fleischreichen Kost und konventionell, außerhalb
der Region und Saison produzierten Lebensmitteln mit hohem Verarbeitungsgrad.
Die grundsätzlichen Kriterien für eine nachhaltige, d.h.
zukunftsfähige Ernährungsweise werden diskutiert.
Schlagwörter: Ernährung,
zukunftsfähige; Ernährungsstil; Ernährungssystem;
Gesellschaft; Gesundheit; Nachhaltigkeit, Ernährung; Umwelt;
Wirtschaft
DOI: http://dx.doi.org/10.1065/erno2000.02.005
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Abstract
Sustainable Nutrition
Every kind of diet – consciously or
subsconsciously – triggers the development of health-related, ecological,
economic and social effects. In this article, the consequences of
nutrition will be considered with regard to the claims made which
are concerned with the new social model of sustainability. With
a mainly vegetarian diet and food produced ecologically, regionally
and seasonally, and where the level of processing is low, the existing
problems can be influenced positively. Conversely, the situation
can be worsened with a diet rich in meat and conventionally produced
foods as well as with products from other regions and out of season,
or which may involve a high level of processing. The fundamental
criteria for a sustainable, i.e. nutrition habits which will be
proficient in the future, are discussed.
Keywords: Nutrition habits;
nutrition, sustainability; nutrition system; society; health; sustainability;
environment; economy; future proficiency
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Einleitung
Der Begriff der "nachhaltigen Entwicklung"
bzw. "zukunftsfähigen Entwicklung" ist seit der UN-Konferenz für
Umwelt und Entwicklung (UNCED), die 1992 in Rio de Janeiro stattfand,
verstärkt in das gesellschaftliche Bewusstsein gerückt. Darunter
wird eine Entwicklung verstanden, die die Bedürfnisse heutiger Generationen
befriedigen soll, ohne die Bedürfnisbefriedigung kommender Generationen
zu gefährden (nach BUND & Misereor, 1997, S. 24). Auf
dem UNCED-Gipfel in Rio wurde von den 178 Teilnehmerstaaten mit der "Agenda
21" ein Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert verabschiedet. Das
erklärte Ziel ist, Chancengleichheit für alle gegenwärtig
auf der Erde lebenden Menschen (also ausdrücklich auch für die
sog. Entwicklungsländer) und für zukünftige Generationen
zu schaffen und zu sichern. Zum Leitbild der Nachhaltigkeit gehört
unverzichtbar die gleichberechtigte und integrierte Berücksichtigung
ökologischer, ökonomischer und sozialer Aspekte. Im vorliegenden
Beitrag wird diskutiert, wieweit der Lebensbereich Ernährung den
Anspruch auf Nachhaltigkeit erfüllt. Speziell im Ernährungsbereich
müssen dabei auch gesundheitliche Aspekte einbezogen werden, da eine
Kostform nur dann zukunftsfähig sein kann, wenn sie den Menschen
einen hohen Grad an Gesundheit und Lebensqualität ermöglicht.
1 Gesundheitliche Aspekte
Ernährungsabhängige Krankheiten
sind in den reichen Industrieländern weit verbreitet. Hierzu
zählen unter anderem Karies, Übergewicht, Obstipation, Bluthochdruck
(Hypertonie), erhöhte Blutfettwerte (Hyperlipidämien), Gallensteine,
Gicht (Hyperurikämie) und Diabetes mellitus. Nach Schätzungen
verursachen falsche Ernährung und ihre Folgekrankheiten in Deutschland
Kosten von über 100 Milliarden DM pro Jahr, bei Gesamtausgaben
im Gesundheitswesen von etwa 276 Milliarden DM (KOHLMEIER et al., 1993,
S. 4, 261). Es stellt sich somit die Frage nach den Ursachen der
ernährungsabhängigen Krankheiten. Auf der Nährstoffebene
untersucht, sind dies die bekannten Attribute: "zu viel, zu fett,
zu süß und zu salzig". Ziel der Ernährungsberatung ist
es, die durchschnittliche Fettaufnahme von etwa 40% auf 25 -30% der Gesamtenergiezufuhr
zu senken und den Verzehrvon komplexen
Kohlenhydraten entsprechend zu steigern. Ferner geht es um das "zu wenig"
an manchen wertgebenden Inhaltsstoffen, wie bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen
sowie Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen.
Bezüglich Nachhaltigkeit lassen sich
hieraus auf der Lebensmittelebene zwei Kardinalfehler ableiten:
Die Deutschen konsumieren durchschnittlich
- zu viele tierische Lebensmittel, insbesondere
Fleisch, Fleischwaren und Eier,
- zu viele stark verarbeitete bzw. konzentrierte
Produkte, wie Auszugsmehlerzeugnisse, Süßigkeiten, Konserven
und Fertigprodukte.
Tierische Lebensmittel enthalten im wesentlichen
Fette und Proteine, aber in der Regel keine Kohlenhydrate. Die wünschenswerte
Steigerung der Kohlenhydrataufnahme lässt sich demnach mit solchen
Lebensmitteln nicht erreichen.
Durch die starke Verarbeitung der Lebensmittel
werden oft wertvolle Inhaltsstoffe zerstört oder abgetrennt (z.B.
bei Erhitzungsprozessen oder bei der Herstellung von weißen Auszugsmehlen
und isolierten Zuckern). Andererseits wird dadurch häufig Nahrungsenergie
konzentriert. Das heißt, stark verarbeitete Lebensmittel weisen
häufig ungünstigerweise eine niedrige Nährstoffdichte (z.B.
mg Vitamin B 1 /100 kJ) und gleichzeitig eine unerwünscht hohe Energiedichte
(gemessen z.B. in kJ/cm 3 ) auf.
Dadurch ergeben sich zwei Grundprobleme
der heutigen Ernährungsweise:
- Es entsteht die Gefahr, dass zu schnell
und zu viel Nahrungsenergie aufgenommen wird, bevor die natürlichen
Sättigungsmechanismen wirken können und
- es treten möglicherweise Lücken
in der Nährstoffversorgung auf. Hierbei ist zu bedenken, dass die
relativ gute Nährstoffversorgung vieler Bevölkerungsgruppen
aus der Zufuhr zu großer Nahrungsmengen resultiert. Wenn aber,
um Übergewicht vorzubeugen, die Gesamtnahrungsmenge vermindert
wird, wächst die Gefahr einer Nährstoffunterversorgung.
Die Lösung dieser beiden Grundprobleme
besteht nun darin, solche Lebensmittel auszuwählen, die genügend
stark sättigen, ohne viel Nahrungsenergie zu enthalten, und
die gleichzeitig einen hohen Gehalt an essentiellen und gesundheitsfördernden
Inhaltsstoffen aufweisen. Dies sind vornehmlich gering bzw. mäßig
verarbeitete pflanzliche Lebensmittel.
Obwohl die Möglichkeiten für "Gesundheit"
noch nie so gut waren wie heute, ist die Gesundheitssituation in
Deutschland und anderen Industrieländern sehr unbefriedigend. Es
treten Probleme in den Vordergrund, die neben Über- und Fehlernährung
unter anderem mit Bewegungsarmut, Streß, Rauchen und Alkoholkonsum
in Zusammenhang stehen.
2 Ökologische Aspekte
Der Ernährungsbereich beansprucht etwa
20% der in Deutschland genutzten Primärenergie (v.a. fossile
Brennstoffe wie Erdöl, Erdgas, Steinkohle usw.). Etwa vier Fünftel
davon wird für die Nahrungsmittelerzeugung, -verarbeitung und -vermarktung,
etwa ein Fünftel für die Nahrungszubereitung in den Haushalten
verwendet (BUND & Misereor, 1997, S. 108).
Die Ernährung ist somit erheblich am
Ausstoß klimabelastender Treibhausgase beteiligt, die für
eine mögliche Erwärmung der Erdatmosphäre verantwortlich
gemacht werden ("Treibhauseffekt"). In der Studie "Zukunftsfähiges
Deutschland" des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie
(BUND & Misereor, 1997, S. 124) wird das "Bedarfsfeld Ernährung"
für gut 20% des in Deutschland vorhandenen Gesamtausstoßes
von Treibhausgasen verantwortlich gemacht (bei CO 2 ca. 20%, bei SO 2
ca. 22%, bei NO x ca. 23%). Nach Burdick (1997) haben Land- und Ernährungswirtschaft
in Deutschland sogar einen Anteil von etwa 20 - 25% am nationalen Treibhauspotential.
Laut Angaben der Enquete-Kommission "Schutz
der Erdatmosphäre" (1994, S. ii) des Deutschen Bundestages trägt
der Bereich Landwirtschaft und Ernährung in Deutschland mit jährlich
etwa 260 Millionen t CO 2 -Äquivalenten zur Klimabelastung bei (Abb.
1).
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|
|
Abb. 1: Beitrag
der Ernährung zum Treibhauseffekt in Deutschland
(1991, in % der emittierten CO
2 -Äquivalente pro Jahr innerhalb des Bereichs Landwirtschaft
und Ernährung; dieser produziert insgesamt 260 Millionen t/Jahr,
entsprechend ca. 20% der gesamtgesellschaftlichen CO 2 -Emissionen);
(nach Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre", 1994,
S. ii-iii, 165, z.T. eigene Weiterberechnungen, gerundet)
|
Etwa die Hälfte dieser Emissionen stammen
aus der Landwirtschaft und davon der Hauptanteil (ca. 85%) aus der Produktion
tierischer Nahrungsmittel. Bemerkenswert ist, dass allein bei der Erzeugung
von Rindfleisch und Milchprodukten etwa 60% der klimawirksamen Emissionen
der Landwirtschaft entstehen (ebd., 1994, S. ii, 167). Die extensive
Rinderhaltung ermöglicht jedoch andererseits eine ökologisch
sinnvolle Nutzung von zum Ackerbau ungeeigneten landwirtschaftlichen Flächen
und leistet einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaften.
Für Transporte im Ernährungssystem
wird ein Beitrag von etwa 4% an den klimarelevanten Gesamtemissionen ausgewiesen.
Damit sind die Fahrten vom Produzenten zum Verarbeiter erfaßt. Werden
zusätzlich die Transporte im Groß- und Einzelhandel (ca. 1%)
sowie die Einkaufsfahrten der privaten Haushalte hinzugerechnet (ca. 4%),
wird durch alle Transporte ein Anteil von etwa 9% am Ausstoß von
Treibhausgasen im Ernährungssystem erreicht (ebd., 1994, S. ii, 98,
165).
Ein zusätzliches Kriterium für
ökologische Verträglichkeit sind die durch deutsche Verbraucher
global verursachten Stoffströme
(gemessen in t Materialinput pro Person und Jahr, z.B. Menge an mineralischen,
pflanzlichen und tierischen Rohstoffen, fossilen Energieträgern,
nicht verwertbarem Abraum). Hier entfallen ebenfalls etwa 20% auf die
Ernährung. In der Materialintensität verschiedener Lebensmittel
(kg Materialinput für Erzeugung und Verarbeitung pro kg Lebensmittel)
ergeben sich große Unterschiede. Fleisch und Fleischerzeugnisse
benötigen wegen der großen Futtermittelmengen mit 17 kg pro
kg Endprodukt den größten Materialinput, gefolgt von Zucker
und pflanzlichen Ölen und Fetten (13 bzw. 12 kg). Am günstigsten
schneiden Obst und Gemüse (1,4 kg) sowie Getreide, Kartoffeln und
Hülsenfrüchte (2 - 4 kg) ab; vorausgesetzt, die Produkte wurden
nicht weit transportiert und stammen nicht aus Unterglaskulturen (BUND
& Misereor, 1997, S. 103f).
Ein weiteres Berührungsfeld
zwischen Ernährung und Ökologie ist die Verpackung von
Lebensmitteln und die damit verbundene Entstehung von Müll (Abb.
1). Seit 1950 hat sich die Hausmüllmenge
in Deutschland verdoppelt. Insgesamt sind etwa 27% des Hausmüllgewichts
Verpackungen von Lebensmitteln, was etwa 100 kg pro Person und Jahr entspricht
(nach V. KOERBER
et al., 1999, S. 133).
Die derzeitigen Veränderungen
der globalen Umwelt, die also auch mit ernährungsökologischen
Gegebenheiten zusammenhängen, werden in der Studie "Nachhaltiges
Deutschland" des Umweltbundesamtes (1998, S. 2) als "bedrohlich für
die Zukunft der Menschheit" bezeichnet (Tabelle
1). Ursachen hierfür sind die Aktivitäten
des Menschen in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen: Energieumwandlung,
produzierendes Gewerbe (Industrie und Handwerk), Verkehr, Land- und Forstwirtschaft
sowie öffentliche und private Haushalte.
| Tabelle 1: Anzeichen
für Veränderungen der globalen Umwelt durch anthropogene
Umwelteinflüsse (Umweltbundesamt, 1998, S. 2) |
-
Das Ansteigen der mittleren globalen Lufttemperatur um 0,3 -0,6°
C seit Ende des 19. Jahrhunderts (Belastung der Atmosphäre
durch 60 Millionen t CO2 pro Tag)
-
Das Ansteigen des Meeresspiegels um 10 bis 25 cm in den letzten
100 Jahren
-
Die Zerstörung der stratosphärischen Ozonschicht
-
Der rapide Artenschwund (Aussterben von 100 bis 200 Arten pro
Tag)
-
Die fortschreitende Erosion und der rapide Verlust fruchtbarer
Böden (Abnahme des verfügbaren Ackerlandes um 20.000
ha pro Tag)
-
Die Verschmutzung und Überfischung der Weltmeere
-
Die schleichende Überbeanspruchung des Naturhaushalts durch
anthropogene Einträge
|
Beim Ausmaß der Umweltbelastungen
pro Einwohner bestehen große Unterschiede zwischen Industrie- und
Entwicklungsländern, wobei die Bewohner der reichen Staaten für
den weitaus größten Anteil verantwortlich sind (Tabelle
2).
| Tabelle
2: Umweltbelastung in Deutschland und in einem Entwicklungsland
– jährliche Belastung der Umwelt durch jeweils 1000 Menschen
(nach BUND & Misereor, 1997, S. 15) |
|
in
Deutschland
|
in
einem Entwicklungsland
|
|
|
Energieverbrauch (TJ)
|
158
|
22
|
a)
|
|
Treibhausgas (t)
|
13.700
|
1.300
|
a)
|
|
Ozonabbauende
Substanzen (kg)
|
450
|
16
|
b)
|
|
Straßen (km)
|
8
|
0,7
|
a)
|
|
Gütertransporte
(tkm)
|
4.391.000
|
776.000
|
a)
|
|
Personentransporte
(pkm)
|
9.126.000
|
904.000
|
a)
|
|
PKW's
|
443
|
6
|
b)
|
|
Aluminiumverbrauch
(t)
|
28
|
2
|
c)
|
|
Zementverbrauch (t)
|
413
|
56
|
a)
|
|
Stahlverbrauch (t)
|
655
|
5
|
a)
|
|
Hausmüll (t)
|
400
|
120
|
d)
|
|
Sondermüll (t)
|
187
|
2
|
d)
|
| a)
Ägypten b) Philippinen c)
Argentinien d) Durchschnitt |
3 Ökonomische Aspekte
Unter ökonomischen Gesichtspunkten
des Ernährungssystems sind insbesondere die Handelsverflechtungen
und Verteilungsprozesse zwischen Industrie- und Entwicklungsländern
von Bedeutung. Deutschland importierte sechsmal mehr Güter der Land-
und Ernährungswirtschaft aus Entwicklungsländern, als es in
Entwicklungsländer exportierte (Bundesministerium für Ernährung,
Landwirtschaft und Forsten, 1998). Unsere Ernährung basiert demnach
zu einem nicht unwesentlichen Teil auf Agrarimporten aus der Dritten Welt.
An dieser Stelle sind auch die Importe billiger Futtermittel zu
nennen. In Deutschland betrug der Anteil der aus anderen Industriestaaten
und aus Entwicklungsländern importierten Futtermittel am Gesamtfuttermittelverbrauch
etwa 13%; beim Kraftfutter lag dieser Anteil sogar bei etwa 50% (1995/96;
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten,
1997, S. 117ff). Von diesen Futtermittelimporten kamen nahezu die Hälfte
aus Entwicklungsländern (Tabelle
3; Deutsche Welthungerhilfe, 1994).
|
Tabelle 3: Futtermittelimporte
nach Deutschland aus Entwicklungsländern (1994) (nach Deutsche
Welthungerhilfe, 1994)
|
|
Entwickungsland
|
Tonnen
|
|
Argentinien (Sojaschrot,
Maiskleber, Tapioka)
|
969.000
|
|
Indonesien, Malaysia,
Philippinen (Sojaschrot,Tapioka, Ölkuchen)
|
742.065
|
|
Brasilien (Sojaschrot,
Maiskleber, Tapioka)
|
579.000
|
|
Thailand (Tapioka,
Ölkuchen)
|
474.300
|
|
Peru, Chile (Fisch-
und Fleischmehl)
|
290.551
|
|
China (Tapioka, Ölkuchen)
|
142.940
|
|
Afrika (Tapioka, Ölkuchen)
|
23.063
|
|
Indien (Tapioka, Ölkuchen)
|
3.908
|
Somit stammen vom Gesamtfuttermittelverbrauch Deutschlands etwa 7% (die
Hälfte der o.g. 13%) aus den Entwicklungsländern. Die billigen
Importfuttermittel tragen zur höheren Rentabilität der Intensivtierhaltung
in Deutschland und damit auch zum überhöhten Fleischverzehr
bei.
Durch den Anbau von Exportprodukten – neben
Futtermitteln wie Cassava, Soja und Mais sind dies unter anderem Südfrüchte,
Kaffee, Tee, Kakao, Tabak, Baumwolle, Blumen – entsteht in der Dritten
Welt eine Flächenkonkurrenz gegenüber der Produktion
von Nahrungsmitteln für die einheimische Bevölkerung. In Afrika
beispielsweise belegt die Exportproduktion etwa 5 - 20% der agrarischen
Nutzfläche. Die Restfläche würde ausreichen, um die afrikanische
Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Ein Konflikt besteht
allerdings in qualitativer Hinsicht: Für Exportprodukte werden oft
die besten Böden und die meiste Arbeitszeit verwendet. Viele Staaten
fördern den Exportanbau zusätzlich mit Kreditprogrammen und
Bereitstellung von Saatgut und Dünger. Da mit Exportprodukten in
der Regel höhere Erlöse zu erzielen sind, vernachlässigen
die Bauern die Nahrungsproduktion für den eigenen Verbrauch (Subsistenzwirtschaft)
und für den lokalen Markt (nach Dritte Welt Haus Bielefeld, 1992,
S. 90f).
Das bedeutet unter anderem, dass die Erzeuger
kaum Überschüsse produzieren und keine ausreichende Vorratshaltung
durchführen, so dass die selbst produzierten Lebensmittel nicht bis
zur nächsten Ernte reichen. Diese Versorgungslücke könnte
mit Erlösen aus dem Anbau von Exportprodukten gedeckt werden. Da
die Weltmarktpreise für die Exportprodukte jedoch in der Regel sehr
niedrig und die Bauern vom preisdrückenden Zwischenhandel abhängig
sind, können sie von den Erlösen oftmals nicht ausreichend Nahrungsmittel
kaufen (nach Dritte Welt Haus Bielefeld, 1992, S. 90f). Insofern kann
sich letztlich durch den Anbau von Exportprodukten die Nahrungssicherheit
verschlechtern. Wenn aber zusätzlich zu den Exportprodukten Nahrungsmittel
zum Eigenverbrauch angebaut werden und das Einkommen direkt dem Produzenten
zugute kommt, können positive Effekte für die Ernährungssituation
erwartet werden (nach OLTERSDORF und WEINGÄRTNER, 1996, S. 30).
Weltweit werden 38% der Getreideernte zur
Tierproduktion eingesetzt, in Deutschland sind es 53% (Bundesministerium
für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, 1997, S. 91, 121).
Von der gesamten pflanzlichen Produktion dienen in Deutschland
sogar 80% der Tierernährung (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz
und Reaktorsicherheit, 1997, S. 57). Aus energetischer Sicht ist die Umwandlung
pflanzlicher Futtermittel in tierische Produkte höchst ineffektiv:
Für die Erzeugung von 1 kcal in Form von tierischen Lebensmitteln
werden durchschnittlich 7 kcal aus pflanzlichen Futtermitteln benötigt.
Dabei gehen 65 - 90% der Nahrungsenergie aus den Futterpflanzen als sog.
"Veredelungsverluste" verloren. Rein rechnerisch könnte der Hunger
in der ganzen Welt beseitigt werden, wenn in den industrialisierten Ländern
der Fleischkonsum um 10% gesenkt würde (nach STRAHM, 1995, S. 45-47).
Dem stehen erhebliche Nahrungsmittelüberschüsse
in der EU als weltweit größtem Nahrungsmittelproduzenten
gegenüber, deren Verkauf, Lagerung oder Vernichtung nur durch hohe
Subventionen ermöglicht wird. Das Umweltbundesamt (1998, S. 120)
kommt in der Studie "Nachhaltiges Deutschland" zu der Einschätzung:
"Aus volkswirtschaftlicher Sicht kann diese Politik kaum als "nachhaltig"
bezeichnet werden".
Der Weltwohlstand ist durch ein starkes Nord-Süd-Gefälle
mit ungenügender Chancengleichheit gekennzeichnet. Die 20% Ärmsten
der Weltbevölkerung verfügen nur über 1,4% des Welteinkommens,
die 20% Reichsten über 83% (Club of Rome, 1995, S. 144). Die
Wurzeln dieser Ungleichheit liegen in der Kolonialzeit und der heutigen
Weltwirtschaft. Eines der größten Probleme der Entwicklungsländer
ist ihre oft extrem hohe Verschuldung, verbunden mit großen
Zahlungsschwierigkeiten für Zinsen und Tilgung. Dies schließt
eine ökonomisch nachhaltige Entwicklung nahezu aus, solange ihre
Schulden nicht ganz oder zumindest teilweise erlassen werden.
Die Entwicklungsländer sind im internationalen
Handel mehrheitlich Exporteure von Rohstoffen (für den Norden) und
Importeure von Fertigprodukten (aus dem Norden). Da die Preise für
Rohstoffe gegenüber Fertigerzeugnissen seit den 1950er, besonders
in den 1980er Jahren, massiv gesunken sind, verschlechterte sich das reale
Austauschverhältnis ("terms of trade") für die Entwicklungsländer
zwischen 1980 und 1992 um durchschnittlich 52%. Das bedeutet auf Warenebene,
dass die Entwicklungsländer für die gleiche Menge Importeinheiten
doppelt so viel exportieren müssen (Club of Rome, 1995, S. 151).
4 Soziale Aspekte
Die sozialen Zusammenhänge sind eng
mit den ökonomischen und ökologischen Bedingungen verknüpft.
Die meisten Staaten der Erde sind verschuldet, sowohl die Industrie-als
auch die Entwicklungsländer. Jedoch hat dies vor allem bei den hochverschuldeten
Ländern des Südens massive soziale Auswirkungen. Um den Schuldendienst
noch leisten zu können (und der Oberschicht ihre privilegierte
Position zu erhalten), forcieren diese Länder den Anbau von Exportprodukten
(siehe oben; BUND & Misereor, 1997, S. 410).
Bei der Ausweitung der Exportproduktion nehmen
die Entwicklungsländer auch die Zerstörung von Lebensräumen
in Kauf, z.B. die Abholzung der Regenwälder zur Vergrößerung
der Ackerflächen, einschließlich der Vertreibung der dort ansässigen
Menschen. Zusätzlich verlieren viele Bauern durch den Verlust an
landwirtschaftlicher Nutzfläche durch Erosion, Versalzung und Wüstenbildung,
gepaart mit einer Klimaveränderung ( .Tabelle 1), ihre Ernährungsgrundlage
(Öko-Institut 1999a, S. 31).
Auf der anderen Seite setzen die Industrieländer,
beispielsweise die Staaten der EU, oft umfangreiche Exportsubventionen
ein, um ihre landwirtschaftlichen Produkte "billig" auf dem Weltmarkt,
d.h. auch an Entwicklungsländer, zu verkaufen. Die Länder des
Südens können dadurch zwar günstig Nahrungsmittel auf dem
Weltmarkt erwerben, aber gleichzeitig verlieren häufig die in den
Entwicklungsländern selbst produzierten Lebensmittel den Preiskampf
gegen die Billigimporte aus Industrieländern (die außerdem
ein höheres soziales Prestige genießen). Dadurch werden die
dortigen Bauern weiter in ihrer Existenz gefährdet (Öko-Institut
1999b, S. 54).
In diesen geschilderten Zusammenhängen
ist auch die stetige Landflucht und die Zunahme der Verstädterung
in den Entwicklungsländern zu sehen. Die Städte wachsen
rasant, was eine Ausweitung der Elendsviertel sowie eine Verschlechterung
der Hygiene- und Ernährungssituation zur Folge hat.
Weltweit gesehen lebt heute die Hälfte
der Menschheit in relativer Armut (von weniger als 1,5 US$ pro
Person und Tag). 800 Millionen Menschen leben in ständiger Unterernährung,
jährlich verhungern 30 Millionen Menschen. Gleichzeitig wurden jedoch
noch nie in solchem Überfluss Lebensmittel produziert wie heute (Öko-Institut
1999a, S. 4). Nach Angaben der FAO standen 1995 den damals lebenden 5,69
Milliarden Menschen jeweils etwa 2700 kcal zur Verfügung, wobei die
Weltgesundheitsorganisation den täglichen Mindestbedarf mit 2500
kcal gedeckt sieht (OLTERSDORF und WEINGÄRTNER, 1996, S. 46). Die
Verteilung dieser Nahrungskalorien in der Weltbevölkerung ist jedoch
sehr ungleich: während die Bewohner in den Industrieländern
täglich etwa 3400 kcal verbrauchen (136% des Mindestbedarfs), stehen
den Bewohnern in Afrika südlich der Sahara täglich durchschnittlich
nur etwa 2100 kcal (84% des Mindestbedarfs) zur Verfügung (OLTERSDORF
und WEINGÄRTNER, 1996, S. 125). Außerdem gibt es innerhalb
der Entwicklungsländer bezüglich der verfügbaren Nahrung
ein starkes Gefälle zwischen arm und reich. Mitunter müssen
die Ärmsten mit 1500 -1700 kcal pro Tag auskommen (STRAHM, 1995,
S. 40f).
Auch in Europa gibt es massive soziale
Probleme in der Landwirtschaft. So kam es durch den Konkurrenzdruck seit
Mitte dieses Jahrhunderts zum sog. "Bauernhofsterben" der kleinen und
mittleren bäuerlichen Betriebe. Allein in Deutschland verschwanden
in den letzten 50 Jahren über eine Million der ursprünglich
1,65 Millionen landwirtschaftlicher Betriebe (Bundesministerium für
Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, 1997, S. 28f)
5 Grundsätze für
einen zukunftsfähigen Ernährungsstil
Die folgenden Grundsätze einer nachhaltigen
Ernährungsweise ( .Tabelle 4) wurden mit dem Ziel formuliert,
trotz bestehender Zielkonflikte gleichzeitig den beschriebenen
Ansprüchen nach gesundheitlicher, ökologischer, ökonomischer
und sozialer Verträglichkeit zu genügen. Sie basieren auf
den "Grundsätzen der Vollwert-Ernährung nach der Gießener
Konzeption" (nach V. KOERBER et al., 1999, S. 101ff; nach V. KOERBER &
LEITZMANN, 1998, S. 10ff; hier finden sich detaillierte Ausführungen
und Literaturangaben) und auf den Ergebnissen des neuen Fachgebiets "Ernährungsökologie"
an der Universität Gießen (SPITZMÜLLER et al., 1993).
Die Reihenfolge entspricht der Priorität bezüglich ökologischer
Verträglichkeit, absteigend nach Einsparpotential von Treibhausgas-Emissionen.
| Tabelle 4: Grundsätze für
einen zukunftsfähigen Ernährungsstil |
- Überwiegend
lakto-vegetabile Ernährung
- Ökologisch
erzeugte Lebensmittel
- Regionale
und saisonale Produkte
- Gering
bzw. mäßig verarbeitete Lebensmittel
- Umweltverträglich
verpackte Erzeugnisse
- Sozialverträgliche
Produkte
- Genuß
beim Essen
|
5.1 Überwiegend lakto-vegetabile
Ernährung
Die größten Möglichkeiten
zur Minimierung von ökologischen Risiken im gesamten Ernährungssystem
liegen in einer deutlichen Reduzierung des Anteils tierischer Lebensmittel,
insbesondere von Fleisch (und hier wiederum in verstärktem Maße
von Rindfleisch). Dadurch lässt sich der Ausstoß an CO 2 -Äquivalenten
schätzungsweise um 100 Millionen t pro Jahr reduzieren, was knapp
40% der gesamten Treibhausgas-Emissionen des Ernährungssystems entspricht
(Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre", 1994, S. 182).
Da bei geringerem Verzehr tierischer Lebensmittel
nicht so viele Futterpflanzen durch Intensivlandwirtschaft erzeugt werden
"müssen", ist dies eine weitere starke ökologische Entlastung
bezüglich des Eintrags von Nitraten (v.a. aus Mineraldüngern)
und Pestiziden in die Umwelt. Die Ökologische Landwirtschaft wird
somit durch den geringeren "Zwang" zu hohen Erträgen viel eher weltweit
realisierbar.
Aus gesundheitlicher Sicht ergibt
die wissenschaftlich unumstrittene Empfehlung, deutlich weniger Fett und
dafür mehr komplexe Kohlenhydrate aufzunehmen, ebenfalls eine deutliche
Einschränkung tierischer Lebensmittel. Besonders gilt dies für
Fleisch(-waren), Wurst und Eier. Da tierische Lebensmittel häufig
fett- und proteinreich sind, aber in der Regel keine Kohlenhydrate enthalten,
lässt sich diese Empfehlung nur durch eine Bevorzugung des Verzehrs
pflanzlicher Lebensmittel erreichen. Ein wesentlicher Grund gegen einen
hohen Fettverzehr ist die Gefahr der Überernährung mit ihren
Folgekrankheiten wie Übergewicht/Fettsucht, Bluthochdruck und Typ-II-Diabetes;
weitere Argumente sind erhöhte Risiken für Herz-Kreislauf- und
Tumorerkrankungen.
Auch die gesundheitsfördernden Ballaststoffe
und die sekundären Pflanzenstoffe finden sich ausschließlich
bzw. fast ausschließlich in pflanzlichen Lebensmitteln (WATZL &
LEITZMANN, 1999; LEITZMANN & GROENEVELD, 1997). Studien mit Vegetariern
zeigen, dass diese eine gute Nährstoffversorgung sowie einen besseren
Gesundheitsstatus aufweisen, besonders bezüglich Körpergewicht,
Blutfetten, Harnsäure und Bluthochdruck (LEITZMANN & HAHN, 1996).
Bei überwiegend lakto-vegetabiler Ernährungsweise
sind die "Veredelungsverluste" weitgehend eingeschränkt. Dabei stellt
die extensive Rinder- und Schafhaltung auf Grünflächen
keine Nahrungskonkurrenz für den Menschen dar. Eine Bevorzugung pflanzlicher
Lebensmittel trägt damit auch zur gerechteren Verteilung der weltweiten
Nahrungsressourcen bei. Die Futtermittelimporte aus Entwicklungsländern
für die Intensivproduktion von Fleisch usw. könnten entfallen
5.2 Ökologisch erzeugte
Lebensmittel
Das übergeordnete Prinzip der ökologischen
Landwirtschaft ist das Denken und Handeln in Stoffkreisläufen.
So liefert der Ackerbau neben Lebensmitteln auch das Futter für das
Vieh und umgekehrt findet der Mist und die Gülle als Pflanzendünger
Anwendung.
In Deutschland gibt es derzeit neun Verbände
der ökologischen Landwirtschaft, die in der "Arbeitsgemeinschaft
Ökologischer Landbau" (AGÖL) organisiert sind. Die Richtlinien
(AGÖL, 1996; HACCIUS & HERMANOWSKI, 1995) verbieten auf der
gesamten Fläche eines ökologisch bewirtschafteten Betriebes
unter anderem die Verwendung von:
- chemisch-synthetischen Pestiziden
- mineralischen Stickstoffdüngern und
sonstigen leicht löslichen Mineraldüngern
- chemisch-synthetischen Wachstumsregulatoren
- Futtermitteln aus Entwicklungsländern
- Tierarzneimitteln als Futterzusatzstoffe
- gentechnisch veränderten Organismen
(oder Teilen davon oder Produkten daraus)
Das Umweltbundesamt (1998, S. 137) stellte
in seiner Studie "Nachhaltiges Deutschland" fest, dass der Ökologische
Landbau (nach AGÖL) dem Leitbild einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion
am ehesten entspricht. Die Produktion von Lebensmitteln aus ökologischer
(biologischer) Landwirtschaft hat eine geringere Umweltbelastung zur
Folge als die Erzeugung konventioneller Lebensmittel, d.h.,
- einen beträchtlich reduzierten Primärenergieverbrauch
(nur 30% im Vergleich zu dem in der konventionellen Landwirtschaft)
und damit auch eine Verminderung der Emissionen klimawirksamer Treibhausgase
um >50% (BUND & Misereor, 1997, S. 317f)
- einen niedrigeren Rohstoffverbrauch (z.B.
keine Mineraldünger und Pestizide) und
- keine Pestizid- und in der Regel keine
Nitratbelastung der Böden sowie des Oberflächen- und Grundwassers
und dadurch auch des Trinkwassers.
Weitere ökologische Vorteile sind eine
Förderung der Bodenfruchtbarkeit und damit eine Verminderung der
Bodenerosion, die Förderung der Artenvielfalt und die artgerechte
Tierhaltung.
Bio-Lebensmittel haben auch gesundheitliche
Vorteile, wie geringere Rückstandsgehalte. Viele Verbraucher
schätzen ökologische Erzeugnisse auch wegen ihres häufig
intensiveren Geschmacks. In den Verarbeitungsrichtlinien der AGÖL
werden bestimmte Technologien wie Gentechnik und Bestrahlung ausgeschlossen
sowie die Verwendung von Lebensmittelzusatzstoffen stark eingeschränkt.
Schließlich ist die Sozialverträglichkeit
in der ökologischen Landwirtschaft größer. Dort werden
auch durch die Aufnahme neuer Produktions- und Verarbeitungszweige zwischen
20 und 40% mehr Arbeitskräfte benötigt als auf einem vergleichbaren
konventionellen Hof. Würden in Deutschland zu den heutigen 2% zusätzlich
etwa 10% der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet
(diese Größenordnung ist in Österreich schon Realität),
würden etwa 20.000 neue Vollarbeitsplätze entstehen. Eine Befragung
von deutschen Landwirten, die auf ökologische Bewirtschaftung ihres
Hofes umgestellt hatten, zeigte, dass ein Drittel den Hof sonst aufgegeben
hätte und dass zwei Drittel mit ihrer Arbeit zufriedener waren (LUTZENBERGER
& GOTTWALD, 1999, S. 131f).
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Preise für ökologisch
erzeugte Lebensmittel
Die Preise für Erzeugnisse
aus konventioneller Landwirtschaft können nur deshalb so
niedrig sein, weil diese Produktionsmethode nach dem einseitigen
Ziel der Ertragsmaximierung mit hohem technischem und chemischem
Aufwand wirtschaftet. Auch die immer stärkere Konzentration
in Lebensmittelverarbeitung und -handel und die damit verbundene
Marktmacht trägt zu den ausgesprochen niedrigen Preisen für
konventionelle Produkte bei.
Diese enthalten aber nicht die ökologischen
und sozialen Folgekosten ihrer umwelt- und sozialunverträglichen
Erzeugung (z.B. für Pestizid- und Nitratbelastung im Grundwasser
mit notwendiger Trinkwasseraufbereitung oder für soziale Lasten
durch das "Bauernhofsterben"). Die entstehenden Folgekosten werden
entweder über Steuern auf die Allgemeinheit übertragen
oder auf die Bauern in Europa bzw. Entwicklungsländern oder
auf zukünftige Generationen abgewälzt.
Ökologisch erzeugte Lebensmittel
haben die genannten negativen Auswirkungen nicht oder nur in
geringem Maße. Durch einen höheren Arbeitsaufwand und
etwas niedrigere Erträge sowie durch einen höheren ökologischen
und sozialen Anspruch sind diese Produkte verständlicherweise
nicht genauso billig wie konventionelle. Als agrarpolitische Maßnahme
zur Absenkung der Preise für ökologisch erzeugte Lebensmittel
sollten die Öko-Bauern für ihre umfangreichen, bislang
unentgeltlichen Zusatzleistungen wie Schutz der Landschaft, der
Artenvielfalt und des Trinkwassers aus staatlichen Quellen real
bezahlt werden. Sobald immer mehr Menschen diese Produkte mit einer
umfassenden hohen Qualität kaufen, werden sie auch durch eine
Effektivierung der Vermarktungsstrukturen preisgünstiger.
Die höheren Preise für ökologische
Erzeugnisse relativieren sich dadurch, dass sich bei einer nachhaltigen
Ernährungsweise auch die Lebensmittelauswahl ändert.
Die relativ teuren Produktgruppen wie Fleisch, Süßigkeiten,
alkoholische Getränke und Genussmittel werden weniger gekauft,
dafür aber mehr Grundnahrungsmittel. Insofern müssen die
Gesamtausgaben für Ernährung nicht höher liegen (BROMBACHER,
1992, S. 119, 152, 161). Der Anteil der Kosten für Ernährung
an den gesamten Ausgaben der Verbraucher lag noch nie so niedrig
wie heute: in den 1950er Jahren 33%, 1970 23% und 1991 nur noch
16% (BUND & Misereor, 1997, S. 249).
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5.3 Regionale und saisonale
Produkte
Lebensmittel aus regionaler Erzeugung,
Verarbeitung und Vermarktung verursachen durch kürzere Transportwege
einen verminderten Energie- und Rohstoffverbrauch sowie geringere Schadstoffemissionen
und Kosten.
Da die Erzeugnisse keine langen Transporte
überstehen müssen und daher vor der Ernte ausreifen können,
sind sie in der Regel schmackhafter und reicher an essentiellen und gesundheitsfördernden
Substanzen (besonders an sekundären Pflanzenstoffen).
Außerdem tragen regionale Kooperationen
zwischen Erzeugern, Verarbeitern, Händlern und Verbrauchern zur Existenzsicherung
kleiner und mittlerer Betriebe bei. Beispiele hierfür sind Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften,
Bauernmärkte und sogenannte "Abokisten". Es wird eine Direktvermarktung
in der Stadt ermöglicht, ohne dass die Stadtbewohner abgasintensiv
mit dem Auto zum Erzeuger fahren müssen.
Durch einen saisongerechten Anbau,
d.h. beispielsweise kein Einsatz von Unterglaskulturen im Winter, lassen
sich der Energieverbrauch und die CO 2 -Emissionen reduzieren. Ferner
enthalten Freilanderzeugnisse durchschnittlich weniger Rückstände,
z.B. an Nitrat und Pestiziden. In einer Fallstudie der Enquete-Kommission
"Schutz der Erdatmosphäre" (1994, S. 39) bewirkte die Versorgung
mit nicht saisonalen Tafeläpfeln aus Neuseeland gegenüber saisonalen
Äpfeln aus regionaler Produktion eine Erhöhung von Treibhausgasemissionen
um 14%.
Eine Bevorzugung von Lebensmitteln entsprechend
der Jahreszeit bedeutet jedoch nicht, dass z.B. im Winter Gemüse
und Obst aus anderen Kontinenten importiert wird, welches während
der dortigen Saison im Freiland wächst. In Deutschland stehen
in der kalten Jahreszeit beispielsweise winterfestes Gemüse wie Feldsalat
und Grünkohl bzw. lagerfähiges Gemüse und Obst wie Sellerie,
Möhren, verschiedene Kohlsorten, Äpfel und Birnen zur Verfügung.
Weitere Möglichkeiten sind milchsaure Gemüse wie Sauerkraut
und Trockenfrüchte bzw. -gemüse.
5.4 Gering bzw. mäßig
verarbeitete Lebensmittel
Durch weniger intensive Verarbeitungsverfahren
der Lebensmittel werden der Primärenergieverbrauch und damit auch
die Schadstoffemissionen reduziert. Gering bzw. mäßig verarbeitete
Lebensmittel weisen noch den höchsten Gehalt an essentiellen und
gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen auf, da diese bei den meisten
Verfahren der Lebensmittelverarbeitung mehr oder weniger zerstört
oder abgetrennt werden. Eine Ausnahme sind die mittels Milchsäuregärung
erzeugten, fermentierten Lebensmittel wie Sauerkraut und Sauermilchprodukte,
bei denen sich gesundheitsfördernde, bioaktive Substanzen, z.B. Milchsäure,
bilden.
Die Bevorzugung gering bzw. mäßig
verarbeiteter Lebensmittel bedeutet jedoch nicht, dass alle landwirtschaftlichen
Erzeugnisse in unverarbeiteter, roher Form gegessen werden sollten.
Erhitzte Lebensmittel sind als "mäßig verarbeitet" einzuordnen,
wobei es sinnvoll ist, jeweils etwa zur Hälfte unerhitzte und erhitzte
Erzeugnisse zu verzehren (bestimmte Lebensmittel wie Kartoffeln und Hülsenfrüchte
sollten immer erhitzt werden, da rohe Kartoffelstärke so gut wie
nicht verwertbar ist und rohe Hülsenfrüchte gesundheitsschädliche
Substanzen wie Hämagglutinine enthalten).
Der Verzehr gering verarbeiteter Lebensmittel
führt auch zur Reduktion der Aufnahme an Lebensmittelzusatzstoffen
wie Farb- und Konservierungsstoffe, Emulgatoren oder Aromen.
5.5 Umweltverträglich
verpackte Erzeugnisse
Verpackungen von Lebensmitteln tragen ca.
25% zum Hausmüllgewicht und ca. 50% zum Hausmüllvolumen bei.
Jede Vermeidung nicht mehr verwertbarer Lebensmittelverpackungen würde
damit zu einer deutlichen Verringerung des Hausmüllaufkommens
führen. Dort, wo Verpackung unbedingt notwendig ist, sollte sie
auf ihre ökologischen Folgen geprüft werden. Dabei ist der gesamte
Weg einer Verpackung von der Erzeugung der Rohstoffe über den Vertriebsweg
bis hin zum Einzelhandel (und gegebenenfalls wieder zurück zur erneuten
Befüllung) einzubeziehen.
Im Getränkebereich sind Mehrwegsysteme
weit verbreitet. Sie gelten als relativ umweltverträglich, wenn
die Distributionsentfernungen gering (Regionalität), die Umlaufzahl
hoch und ein Wiederverwertungsverfahren am Ende der Nutzungsdauer steht.
Grundnahrungsmittel (wie Kartoffeln,
Gemüse und Obst) können entweder unverpackt oder gering verpackt
(Papiertüten) gekauft werden. Bei einem hohen Verarbeitungsgrad
eines Lebensmittels (und zusätzlich einer geringen Fertigungstiefe
im einzelnen Unternehmen) werden hingegen zahlreiche Zwischen- und Transportverpackungen
benötigt, um die Qualität des Lebensmittels zu bewahren (HOFFMANN,
1999).
Ein entsprechendes Konsumverhalten führt
durch eine Verminderung der Müllmenge damit auch zu einer Reduktion
von Rohstoff- und Energieverbrauch und Schadstoffemissionen.
5.6 Sozialverträgliche Produkte
Um das Nachhaltigkeitsziel "Chancengleichheit
für alle Menschen" zu erreichen, ist eine sozialverträgliche
Nahrungsversorgung anzustreben. (Chancen-)Gleichheit meint hier nicht
Gleichartigkeit der Ansprüche und Bedürfnisse, wohl aber
deren Gleichwertigkeit. Dieses Ziel beinhaltet nicht unbedingt
die gleichen Mengen an materiellen Gütern aber die gleichen Lebens-
und Entwicklungschancen für alle Menschen (BUND & Misereor,
1997, S. 269).
Mit Entwicklungsländern sollte "Fairer
Handel" getrieben werden (s. Kasten). Aber auch für die Erzeuger,
Verarbeiter und Händler in Deutschland und Europa geht es um angemessene
Lebensmittelpreise, um deren Existenzen zu sichern.
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Fairer Handel mit Entwicklungsländern
Beim "Fairen Handel" ("fair trade")
werden den Erzeugern in Entwicklungsländern deutlich über
dem Weltmarktniveau liegende Preise f ür ihre Produkte
gezahlt und feste Abnahmemengen garantiert, was eine gewisse
Planungssicherheit bietet. Die Produzenten sind in der Regel Kleinbauernfamilien,
die im nationalen Wirtschaftssystem benachteiligt sind und sich
deshalb zu Genossenschaften zusammenschließen. Sie verpflichten
sich, bei der Produktion bestimmte Standards einzuhalten, z.B. bezüglich
Arbeitsbedingungen und negativen Umwelteinflüssen. Ein Teil
der Einnahmen muss für soziale und Bildungszwecke verwendet
werden, z.B. für den Bau von Schulen oder die Altersvorsorge
der Arbeiter.
Ein weiteres wichtiges Ziel des "Fairen
Handels" ist die Aufklärungs- und Bildungsarbeit in
den Industrieländern. Hierdurch soll eine Transparenz über
die Entstehung der Verkaufspreise mit all ihren Anteilen für
die Produzenten, Händler usw. geschaffen werden. Verständlicherweise
können diese Preise nicht genauso niedrig liegen wie bei sozial
unverträglichen, konventionell gehandelten Produkten.
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5.7 Genuss beim Essen
Bei aller Vernunft bezüglich der Umwelt
und der eigenen Gesundheit sowie bei aller Solidarität gegenüber
anderen Menschen sollte der Genuss beim Essen keinesfalls zu kurz
kommen. Spaß und Lebensfreude sind auch bei der Ernährung unverzichtbar.
Sie müssen jedoch nicht im Widerspruch stehen zu den gesundheitlichen,
ökologischen, ökonomischen und sozialen Erfordernissen. Es gibt
sogar neue Geschmackserlebnisse zu entdecken, z.B. durch bisher nicht
verwendete Gemüse- und Getreidearten, Hülsenfrüchte, Gewürze
und Kräuter.
6 Schlussbemerkungen
"Nachhaltigkeit" bedeutet, auch im Lebensmittelbereich
gesundheitliche, ökologische, ökonomische und soziale Folgen
zu berücksichtigen. Dies heißt ein Verlassen von kurzfristigen,
gewinnmaximierten Strategien. Im Produktionsbereich sind langfristige,
zukunftsfähige Alternativen anzustreben. Dazu gehört eine ökologische
Landwirtschaft mit Erhalt von Bodenfruchtbarkeit, Artenvielfalt und intakten
Ökosystemen. Ein Denken in Kreislaufprozessen nach dem Vorbild der
Natur ist dabei unerlässlich. Dieses verlangt einen gesellschaftlichen
Umdenkungs- und Umstrukturierungsprozess, der letztlich zu einem "Weniger"
an Quantität und einem "Mehr" an Qualität führt (nach SCHNEIDER,
1997). Im Lebensmittelbereich ist es "notwendig", sich der in diesem Beitrag
dargestellten Zusammenhänge und Grundsätze bewusst zu werden.
Es gibt durchaus Zielkonflikte, wie:
- ökologische versus regionale Lebensmittel
(z.B. ökologisch erzeugte, weit transportierte Milch versus regionale,
konventionelle Milch).
- sozialverträgliche, fair gehandelte
Erzeugnisse aus der Dritten Welt versus regionale Lebensmittel (z.B.
fair gehandelte Bananen versus einheimische Äpfel).
- Einkauf ökologischer Produkte mit
dem privaten PKW beim Ab-Hof-Verkauf versus von Übersee mit großen
Transportschiffen importierte Lebensmittel.
Die Umsetzung eines zukunftsfähigen
Ernährungs- und Lebensstils ist immer auch eine Frage der persönlichen
Prioritäten. Sie wird den interessierten und informierten Konsumenten
benötigen, der abwägen und entscheiden kann und will. Dieser
wird Eigenverantwortung übernehmen und sich deshalb für zukunftsfähige
Produkte im Lebensmittelbereich – und darüber hinaus – entscheiden.
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